Aus dem Leben der FahrradSelbsthilfeWerkstatt


Ein Drama in drei Fällen
 
Als einer, der in der Werkstatt arbeitet, lernt man viele Menschen kennen. So glaubte ich jedenfalls. Aber weit gefehlt: Ich lernte Radfahrer kennen !
 
Bei uns in die Werkstatt verirren sich zum großen Teil die Personen, die eine gewisse Mitschuld an meinen grauen Haaren haben.
 
Der erste Blick verrät mir mehr über das, was kommen wird, als mir die Radfahrerin oder der Radfahrer je erzählen könnte; die Mängel das Fahrrads belaufen sich auf folgende Belanglosigkeiten::
  • die Schaltung und Kette haben bereits über 6000km runter (Zitat: „Man kann damit doch noch fahren – zwar nur im 2. und 3. Gang, aber ich schalte doch eh nie!“)
  • die Kette hat seit dem Kauf kein Öl gesehen
  • das Schutzblech hinten ist gebrochen und notdürftig mit Strick, Klebeband, Draht oder Kabelbindern geflickt (Der Geräuschpegel überschreitet den eines getunten Mofas bei weitem)
  • die Reifen sind so brüchig, dass ich mit einem Fingernagel einen Platten verursachen könnte
  • der Dynamo hängt so schief, dass er ohne Probleme auch als Speichenschloß fungieren könnte (Das scheint der Dynamo auch schon gemacht zu haben - oder hat die fehlenden Speichen jemand geklaut?)
  • die Pedalarme wackeln oder fallen hin und wieder ab. Aber das ist ja nicht so schlimm. Man kann die „Dinger“ ja wieder drauf stecken und wenn man vorsichtig fährt, kommt man auch bis zur UNI.
  • Ein großer Riss im Sattel: Bei den bestehenden Reparaturmöglichkeiten wird dieses Manko untergehen! (So zieht sich ein leichtes Grinsen über mein Gesicht, wenn ich mir vorstelle, wie das Opfer sich ärgert, wenn es vergessen hat, vor dem Regen eine Plastiktüte über den Sattel zu ziehen.)

 
Jetzt folgt der passend dazu abgestimmte und fein säuberlich sich wie von Geistermund immer wiederholende Dialog:

FALL EINS: Das Damenrad und die Radfahrerin


Radfahrerin: „Könnten Sie das für mich reparieren?“
 
Ich : „Nein, das tut mir leid – das hier ist eine Selbsthilfewerkstatt!“
 
Radfahrerin: „Aber ich kann das nicht – ich hab das noch nie gemacht!“
 
Ich verkneife mir zu sagen, dass ich das sehe und sage freundlich: „Dann haben Sie aber viel zu tun!“
 
Radfahrerin: „Nein, so viel Zeit habe ich aber nicht. Schaffe ich das in einer Stunde?“
 
In meinen Gedanken koordiniere ich den Reparaturablauf und stelle wieder fest, dass selbst ein versierter Fahrradmonteur nicht der Lage wäre, dieses (mit Verlaub) völlig verwahrloste Fahrrad innerhalb einer Stunde wieder flott zu kriegen.
 
Und nach der Reparatur? Was für ein Leben steht dem Rad bevor? Wieder nur leere Versprechen, wie Reifen regelmäßig aufpumpen oder mal einen Tropfen Öl für die Kette. Ist es dann nicht viel würdevoller für das Rad, es für immer vor der UNI abzuschließen und ihm so ein passendes Lebensende zu gewähren?
 
Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, lande vor dem traurig dreinschauenden Fahrrad und dessen Besitzerin und halte mich zurück, ihr vorzuschlagen, auf Bus und Bahn umzusteigen.
 
Unter strengster Disziplin sage ich folgenden Satz im diplomatischsten Tonfall, den ich kenne:
 
„Na – in einer Stunde wird das aber knapp! Du kannst ja dich ja um die wichtigsten Dinge in dieser Stunde kümmern!“
 
So erkläre ich ihr, welche Schrauben sie zu lösen hat und werde hin und wieder mit einem verzweifelnden Blick und Fragen malträtiert, die bei mir reflexartiges Augenrollen auslösen.
 
Hier eine weitere Kostprobe aus der Fülle an typischen Dialogen:
 
Radfahrerin: „Wie soll ich die Mutter denn lösen?“
 
Ich : „Mit einem Schraubenschlüssel?“
 
Radfahrerin: „Und mit welchem?“
 
Ich: „Mit einem Zehner!“
 
Radfahrerin: „Wo finde ich den denn?“
 
Ich: „Dreh Dich mal um ... die Wände hängen voller Werkzeug!“
 
Radfahrerin: „Hach – und wo dran erkenne ich den Zehner-Schraubenschüssel?“
 
Ich – mit einem gewissen ironischen Unterton: „Vielleicht weil da eine Zehn auf dem Schlüssel steht?“
 
Das Schlimme ist, diese Dialoge entspringen nicht meiner Phantasie. Solche Leute (auch Herren sind darunter) gibt es wirklich und sie sind Teil des Straßenverkehrs. Erschreckend?
 
Aber kommen wir zum...

FALL ZWEI: Das Herrenrad und der Radfahrer


Hier eröffnet sich der ganze Horror erst kurz vor Feierabend.
 
Die „Krönung“ der Schöpfung, der Mann, hat schon genetisch eingebaut, wie man mit dem jeweiligen Werkzeug umzugehen hat. Der Sinn und Zweck des Werkzeugs bleibt ihm aber verborgen. Das heißt, er benutzt schon mal gerne den großen Schraubendreher um den Mantel von der Felge zu entfernen. Dazu zaubert er aber mit all seinem Feingefühl mehr Löcher in seinen Schlauch, als wir Flicken in der Werkstatt haben. Ein schnelles Eingreifen meinerseits ist da von Nöten. Geschickt platziere ich die Reifenhebel vor dem Reparaturgenie und erwähne in einem Nebensatz, dass diese kleinen schwarzen Kunststoffhebel Spezialwerkzeug seien. Durch das Erwähnen des Zauberwortes: „Spezialwerkzeug“ - läßt der Herr den Schraubendreher fallen und greift gierig nach diesen Hebeln (In seinem Kopf sind dann folgende Monologe zu hören: „Mein Schatz – er ist zu mir gekommen – mein Spezialwerkzeug“).
 
So schnell kann man einen Mann glücklich machen!
 
Aber der Y-Chromosomträger bietet mir noch mehr: Da er genau weiß, was seinem Rad fehlt und er mit ihm geistig auf einer Wellenlänge mitschwingt, ist es für ihn ein leichtes, alle Teile um die klappernde Stelle zu entfernen und das Problem zu isolieren. Nachdem er zum Beispiel die Nabenschaltung und ihr Getriebe komplett zerlegt hat und völlig in dem fettverschmierten Wust aus Zahnrädern, Federn und Wellen verzweifelt ist, reagiert er etwas ungehalten, als ihm eröffne, dass nur die Kette am Kettenschschutz an einer kleinen Schraube hängen bleibt und so das Hackeln und Schleifgeräusch verursacht wird. Jetzt hat er soviel Zeit dafür verwendet, die Schaltung nutzloserweise zu zerlegen. Ein Blick auf die Uhr: 10 Minuten bis Feierabend.
 
„Juhu“ - denke ich mir, wieder ein Arbeitgeber, der mir eine Überstunde ermöglicht.
 
Also ist Kreativität gefragt, wie bekomme ich aus dem Metallhaufen wieder ein Fahrrad hin?
 
Dann soll man sagen, bei so einem Job sei man nicht gefordert? Er spuckt also in die Hände und legt los wie ein Wilder, bis er sich irgendwann (nach etwa 5 Minuten und mindestens 3 abgeris-senen Schrauben) mit der Tatsache konfrontiert sieht, nicht mehr weiterzuwissen. Sind dann auch noch gerade alle anwesenden Supermechaniker beschäftigt (-siehe Dialoge aus FALL EINS-), ereilt den sonst so selbstbewussten Schrauberling allerdings ein unerwartetes und grausames Schicksal, nämlich

FALL ZWEIEINHALB: Das Herrenrad, der Radfahrer und die Werkstattmitarbeiterin


Dass es hart ist, überhaupt irgendwen um Rat fragen zu müssen, steht dem armen Jüngling ja schon deutlichst ins Gesicht geschrieben. Aber dass dann auch noch als einzig ansprechbare Person eine FRAU ihn aufmunternd angrinst, treibt ihn fast an die Grenze seiner Leidensfähigkeit. Mit flehendem Blick sieht er noch ein-, zweimal leicht panisch in die Runde, ob wirklich kein anderer Mann für ihn Zeit hat.
 
Wenn sie in dieser Hinsicht noch etwas unerfahren ist, macht die Werkstattmitarbeiterin den Fehler und geht freundlich auf den Hilfesuchenden zu und fragt, ob sie etwas für ihn tun kann. Ist dies geschehen, passiert das Unvermeidliche: Ob dieser Dreistigkeit sieht ihr der Typ kurz in die Augen, dreht sich um und geht weg.
 
Der Lernprozess der Werkstattmitarbeiterin ist daran zu erkennen, dass sie beim nächsten Mal, statt hinzugehen, in solchen Fällen scheinbar ziellos umherwandert und – wie sich das gehört – IHN den ersten Schritt machen lässt (kennt noch jemand Lucilectric?).
 
Erst wenn die Frau dann so im Vorbeigehen einen gewissen Mindestabstand unterschritten hat, lässt ER seinen Blick über die fettverschmierten Hände und Klamotten der Mitarbeiterin wandern, um schliesslich ein ganz vorsichtiges: „Ähm, also, Du arbeitest auch hier???“ hervorzubringen. Nach der 100mal geübten lässigen Standardantwort: „Ja, kaum zu glauben, was?“ überwindet sich der Herr der Schöpfung zu einem gequälten Lächeln und erklärt mir unter Verwendung der maximal möglichen Anzahl von Fach- und Fremdwörtern sein Problem.
 
Wenn der erste Lösungsvorschlag gleich funktioniert hat, schmilzt das Eis ein bisschen und die Ausfrage-Phase beginnt:
  • Arbeitest Du schon länger hier?
  • Was studierst Du denn (wenn sie „Maschinenbau“ sagen würde, wäre wenigstens die Ehre des Mannes halbwegs wiederhergestellt...)
  • Wie kommt es, dass jemand wie DU Ahnung von Fahrrädern hat?

Zwischendurch wird natürlich immer wieder mal eingeworfen: „Jaja, das wusste ich ja eigentlich...hätte ich jetzt auch als nächstes gemacht...“ usw.
 
Natürlich!!!
 
Noch etwas verwirrt und mit bröckelnden Grundfesten seines Weltbildes vertieft er sich dann die verbleibenden 2 Minuten bis zum Feierabend in seine Arbeit.
 
Schließlich entschließt er sich, wiederzukommen und sein Rad hier weiter zu reparieren. Also haben wir sein Rad im hinteren Teil der Halle abgestellt. Ich mußte ihm noch hoch und heilig versprechen, dass niemand sein Heiligtum berührt. Es soll doch nichts abhanden kommen.
 
Das einzige, was aber abhanden kam, war der Besitzer. Sein Rad steht Wochen später noch immer hier in der Werkstatt und wird demnächst verkauft ...
 
Angesichts dieser erschütternden Tatsachen ist es beruhigend zu wissen, dass es sie noch gibt, die Oase der Harmonie und der weiblichen Solidarität: Der Montagstermin, auch Frauentag genannt. Hier kann in aller Ruhe Kaffee getrunken, Kuchen gegessen, geplaudert und hin und wieder ein Schräubchen gedreht werden.
 
Aber kaum eine Woche vergeht, ohne dass ES passiert:

FALL DREI: Das Damenrad, der Mann und die Radfahrerin


Diese „Werkstattkunden“ sind die positive Ausnahme in diesem Geschäft. Am besten zu beobachten bei einer Tasse Kaffee an Regentagen, wenn die Werkstatt schön leer ist.
 
In diesem Fall bin ich weniger ein Akteur, vielmehr das Publikum oder der Beobachter. Es wäre auch fatal, wenn man diese traute Dreisamkeit stören würde. Wie oft sieht man schon so hautnah das interessante Verhalten des Homo Sapiens so deutlich und isoliert? Gerade diese Laborbedingungen machen diesen Fall so erwähnenswert. Das Trio ist wohl eine wichtige Konstellation aus dem breiten Spektrum des „seltsamen Paarungsverhaltens geschlechtsreifer Großstädter“. Das Männchen und das Weibchen wären ideal als Fallstudien für jeden Soziologen.
 
Das Weibchen: Meist völlig unpassend für eine Werkstatt gekleidet und zurückhaltend in seinem Verhalten. Durch hin und wieder mit kleinen Fehlern gespickte Handlungen und dem öfteren Erwähnen, dass es keine Ahnung von Fahrrädern hat, signalisiert es dem Männchen: Du kannst Deine Männlichkeit unter Beweis stellen.
 
Jagen und Sammeln sind in unserer heutigen Zeit nicht mehr die richtigen Indikatoren für einen richtigen Mann. Also zeigt der Mann, was er noch zu bieten hat. Mit einem bißchen Argumentation ist für ihn völlig eindeutig bewiesen, dass ein Mann, der ein Fahrrad reparieren kann, auch in der Lage ist, für ein sicheres Zuhause für sein Weibchen und ihre Nachkommen zu sorgen.
 
So schraubt das Männchen mit all seiner Fachkenntnis an ihrem Rad. Bis das Rad aus technischer Sicht in neuem Glanz erstrahlt.
 
Dem Weibchen ist das meist egal. Sie sieht in dieser Aktion eher eine nach Kosten-Nutzenrechnung lohnende Investition. Ihre Aufgabe ist es, um das Ritual abzuschließen, einen Lappen zu nehmen und noch liebevoll den gröbsten Dreck von den sichtbaren Stellen abzuwischen.
 
 
Dann verlassen die Drei, das Fahrrad, das Weibchen und das Männchen, die Werkstatt direkt in den Sonnenuntergang...
 
 
 
 
Klarstellung der Verfasser: Dieser gemeinsam verfaßte Text dient allein der Erheiterung. Sollten Bedenken bestehen, wie wir in der Werkstatt mit den „Kunden“ umgehen, kann unser Verhalten jederzeit während der Öffnungszeiten beobachtet werden. Wer unzufrieden ist, dem steht die Möglichkeit offen, sich bei uns aktiv zu engagieren und das nächste „AStA-Extra-Info“ mitzugestalten.
 
 
Imke, Maike, Ute, Clemens